Ehrensache Georgsritt

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Ehrensache Georgsritt

„Der heilige Georg erinnert uns an unsere ethische Aufgabe, das Böse zu bekämpfen und das Gute zu tun“, mahnte der Festprediger beim Kallmuther St.-Georgs-Ritt am 1. Mai 2007. Es war Dr. Heinrich Mussinghoff, der Aachener Diözesanbischof und langjährige stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Er war es auch, der mich anderthalb Monate später im Hohen Dom zu Aachen zusammen mit elf weiteren Mitbrüdern zu Diakonen weihen sollte. Nur ein Jahr später, am 1. Mai 2008, ließ Pfarrer Kurt Hoberg mir die große Ehre zukommen, die Festpredigt beim Georgsritt zu halten. Ich war stolz und dankbar.

Es war mir eine Ehre . . .

Das mit der Ehre ist aus der Mode gekommen, aber es ist eine ernste Sache. Ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt, als meine ersten Erinnerungen an den Kallmuther Sankt-Georgs-Ritt einsetzen. Mein Vater sattelte damals unser Belgisches  Kaltblut „Ella“, um wie die anderen Bauern rings um den Mechernicher Bleiberg am Kallmuther Georgsritt teilzunehmen.

Er war mehr als einen halben Tag unterwegs, denn An- und Abritt ins sieben Kilometer entfernte Kallmuth dauerten jeweils eine knappe Stunde. Festprozession und Freiluftmesse zusammen zwei, und dann wurde auf der Festwiese auch noch ein Glas Bier getrunken . . .

Es war ihm und den anderen Bauern eine Ehre, am St.-Georgs-Ritt teil-zunehmen. Keiner wäre damals auf die Idee gekommen, an diesem oder an anderen kirchlichen Feiertagen im Feld zu arbeiten – außer, „wenn es brannte“, also Heuernte oder Ernte einzubringen waren.

Ansonsten waren bei uns Sonn- und Feiertage tabu, bis auf die  Stallarbeit (melken, misten, füttern), die zum Wohl der Tiere 365 Tage im Jahr zweimal täglich anfiel. Schon der Großvater hatte die Devise ausgegeben: „Sollten wir es wirtschaftlich nötig haben, auch sonntags im Feld durchzuarbeiten, dann wird uns auch die Sonntagsarbeit nicht vor dem Bankrott retten.“

Ich erinnere mich, wie ich während der Festmesse am Georgspütz zwischen Kallmuth, Urfey und Vollem, vor meinem Vater im Sattel sitzen durfte. Ich war stolz „wie Oskar“, so sagt man im Hochdeutschen, in Nordeifeler Mundart heißt es drastischer „stolz wie ein Pferdeapfel“. Genau das war ich.

Beim Kallmuther Mairitt setze ich inzwischen die Familientradition auf dem Rheinisch-Deutsche Kaltblut „Hera“ fort. Seit Ende der neunziger Jahre darf ich  dem Sakramentswagen voranreiten. Zunächst in der früher gebräuchlichen Traditionskleidung der Bauern dieser Eifelecke, das sind schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Krawatte und Zylinderhut. Seit meiner Weihe reite ich im liturgischen Gewand, in dem ich auch die Heilige Messe mitfeiere. Beides ist mir eine Ehre.

Längst sind es nicht mehr die Bauern, die den St.-Georgs-Ritt mit ihren schweren Arbeitspferden bestreiten. Reiter vieler Pferderassen und in allen denkbaren Reit- und Zaumzeug-Philosophien nehmen heutzutage teil, Herrenreiter sind ebenso willkommen wie Cowboys, jährlich werden stark schwankend zwischen 150 und 400 Rösser gezählt. Hinzu kommen zwei-, dreitausend Fußpilger, die den Prozessionsweg säumen, aber auch hinterher mit zum Gottesdienst am Georgspütz ziehen.

Wir, also die Reiter wie die Fußgänger, tun es Gott zu Ehren, wie ich hoffe, und zu Ehren von Sankt Georg, dem Reiterheiligen  aus Kappadozien, der bereits seit dem Mittelalter in Kallmuth verehrt wird. Allein Gottes Lohn erhoffen auch die engagierten Menschen des Dorfes Kallmuth, die jedes Mal alles organisieren und Tausende bewirten, wenn das Dorf zum Wallfahrtsort wird. Ehrensache!

Manfred Lang, Ständiger Diakon